Denkmäler/Gedenksteine mit NS-Bezug auf dem Friedhof Columbiadamm
Kleine Anfrage
1. Welche Denkmäler/Gedenksteine auf dem Friedhof Columbiadamm a) weisen NS-Symbolik oder eine revanchistische Bildsprache auf, b) gedenken Soldaten der Wehrmacht, c) stehen in Verbindung mit NS-Kriegsverbrechen?
Der Friedhof wurde in den 1860er Jahren für die Berliner Garnison angelegt und bis zum En- de des 2. Weltkriegs u.a. auch für Angehörige des Militärs genutzt. Entsprechend des jeweili- gen Zeitgeistes finden sich damit dort zahlreiche militärische Symbole.
a) Darstellungen mit NS-Symbolik auf dem Friedhof Columbiadamm sind dem Bezirksamt nicht bekannt.
Als revanchistisch - im Sinne einer politischen Einstellung, die die gewaltsame Vergeltung für militärische und politische Niederlagen oder die Annullierung von Friedensbedingungen oder -verträgen zum Ziel hat - eingestuft werden kann das den Gefallenen gewidmete Denk- mal des Königin Augusta Garde-Grenadier-Regiments Nr. 4. Das Denkmal stammt aus dem Jahre 1925. Ein Helm liegt auf einem Fahnentuch, unter dem sich die Konturen eines Mannes abzeichnen. Ein Unterarm mit geballter Faust des Mannes streckt sich dem Betrachter, nicht durch das Tuch bedeckt, entgegen. Des Weiteren auch das Kriegerdenkmal des 1. West- preußischen Fußartillerie Regiments Nr. 11. Auf einem schlichten Sockel mit vorkragender Deckplatte ruht auf schmalem Fuß eine Stele in Gestalt eines plakettenartig formulierten Re- liefs mit der Darstellung der durch das bewegte Wolkenmeer sausenden, auf einer von ei- nem Schriftband umwehten Kugel stehenden Heiligen Barbara, Schutzpatronin der Artillerie. Diese trägt über ihrem Haupt mit der rechten Hand gestützt eine gewaltige Granate, wäh- rend sie mit der Linken ein Blitzbündel hält. Auf dem Schriftband seitens der Weltkugel steht „Zu-gleich“, die der „Kommandosprache entnommene Losung der Fußartillerie, die sich auf das Wiedervorrücken des vom Rückstoß getroffenen Geschützes bezieht“ (Wilhelm Borchert, 1930, S. 54). Unterhalb des reliefierten Hauptfeldes ist eine Inschrift eingetieft. Unterhalb des Inschriftenfeldes ist nach 1945 eine schmale, von zwei Wappen flankierte Inschrift in Form einer erhaben gearbeiteten Bronzetafel hinzugefügt worden (Jörg Kuhn, Susanne Käh- ler).
Weitere Beispiele sind nicht bekannt. Ein Vorhandensein weiterer revanchistischer Bildspra- che an Denkmalen kann aber auch nicht ausgeschlossen werden. Welche Gedenksteine als revanchistisch einzustufen sind, könnte letztlich nur durch eine vertiefende wissenschaftliche Untersuchung beantwortet werden (folgende Untersuchung liegt im Museum Neukölln vor: Karl-Robert Schütze, 1986, Hrsg. Bezirksamt Neukölln von Berlin, "Von den Befreiungs- kriegen bis zum Ende der Wehrmacht. Die Geschichte des Garnisonfriedhofs am Rande der Hasenheide in Berlin-Neukölln").
b) Es sind insgesamt zehn Denkmäler bekannt, um gefallenen Soldaten der Kriege von 1866 und 1870/71 und dem Ersten Weltkrieg zu gedenken. Letztere stammen überwiegend aus den 1920er Jahren und wurden teilweise nach 1945 um Gedenktafeln für die Toten des Zweiten Weltkrieges ergänzt.
Auf weiten Teilen des Areals des Friedhofs Columbiadamm wurden Grabstellen von Opfern des Zweiten Weltkrieges durch kleine Gedenksteine kenntlich gemacht, wie sie sich auch auf den meisten anderen Berliner Friedhöfen wiederfinden. Explizit erkennbare Denkmäler für Soldaten der Wehrmacht gibt es auf dem Friedhof am Columbiadamm nicht. Das Denkmal für die Gefallenen von 1866 und 1870/71 weist auf der Rückseite eine Tafel für tote Fall- schirmjäger auf. Zu dieser Zeit gab es jedoch noch keine Fallschirmjäger. Diese Tafel könnte sich daher durchaus auf Angehörige der Wehrmacht beziehen, enthält aber keine Datierung oder andere eindeutige Angaben, die eine eindeutige Zuordnung ermöglichen. Auf mehre- ren Grabfeldern des Friedhofs sind „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ bestattet. Unter
diesen befinden sich auch Soldaten der Wehrmacht. Sie werden allerdings nicht als solche benannt oder gewürdigt. Die uniformen Grabplatten, sogenannte Kriegsgrabzeichen, teilen – wie bei allen anderen Menschen dieser Gruppe – ausschließlich den Namen sowie das Geburts- und Sterbedatum mit.
c) Gefallenen Soldaten der Kriege von 1866, 1870/71, des Kolonialkriegs in Afrika und ins- besondere vom 1. bzw. 2. Weltkrieg führten zu einer kontinuierlichen Belegung. Es gibt auf dem Friedhof am Columbiadamm nach Wissen des Bezirksamtes keine Denkmäler, die explizit an NS-Kriegsverbrechen erinnern. Die Frage nach Denkmälern, die möglicherwei- se mittelbar „in Verbindung“ mit NS-Kriegsverbrechen stehen, könnte ebenfalls nur eine vertiefende wissenschaftliche Untersuchung klären.
2. Inwiefern findet eine öffentlich sichtbare kritische Einordung dieser Denkmäler/Gedenksteine statt?
Denkmale sind Zeichen ihrer Zeit, der jeweils vorherrschenden Wert- und Moralvorstellun- gen, der Geschlechts- und Rollenmuster. Das ändert nichts daran, dass sie heute mitunter unerträglich scheinen (vgl. der sog. Herero-Stein). Voraussetzung für den Umgang mit sol- chen Denkmälern und deren kritischer Einordnung ist eine aufgeklärte Erinnerungskultur. Dazu braucht es
- eine transdisziplinäre Quellenforschung
- eine zeitgemäße Dokumentation
- eine Präsentation und Diskussion der Untersuchungsergebnisse in einer Art und Weise, die breitere Kreise der Gesellschaft erreicht
- eine dauerhafte Zugänglichkeit der Untersuchungsergebnisse (z.B. im Geschichtsspeicher des Museums Neukölln)
- eine auskömmliche finanzielle und personelle Ausstattung
3. Welche Möglichkeiten einer kritischen Einordnung sieht das Bezirksamt für die unter 1. genannten Denkmäler/Gedenksteine?
Zum aktuellen Forschungsstand verweist das Bezirksamt auf die Publikation von Arndt Beck "Die beerdigte Nation: 'Gefallenen'-Gedenken von 1813 bis heute" (2005). Im Auftrag des Museums Neukölln hat Arndt Beck seinerzeit bereits Führungen über den Friedhof angebo- ten.
Zudem wurde im Jahr 2011 im Rahmen des "Tages des offenen Denkmals" ein Projekt des Museums mit der Fritz-Karsen-Schule (10. Klasse) durchgeführt. Die Schüler*innen forschten vor Ort, in Bibliotheken, im Museumsarchiv und mittels Expert*innengesprächen zur Ge- schichte einzelner Grabmale. Daraus wurden Führungen über den Friedhof entwickelt.
Die aktuell laufende kulturpolitische Debatte um den sog. Herero-Stein möchte das Museum Neukölln nutzen, um im Jahr 2023 dazu eine historisch-kritische Aufarbeitung in Form einer Ausstellung zu kuratieren. Eine kritische Einordnung des gesamten erfragten Themenkomple- xes ist allerdings nur mit einer wissenschaftlich durchgeführten Aufarbeitung möglich. Finan- zielle und personelle Ressourcen stehen dem Bezirk hierfür nicht zur Verfügung.
4. Welche Finanzierungsmöglichkeiten bestehen für die unter 3. genannten Optionen?
Das in der Antwort zu Frage 3 genannte Projekt zum sog. Herero-Stein soll im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel, ggf. auch mit eingeworbenen Drittmitteln, finanziert werden.
